Renato Borghetti (Brasilien)

Akkordeongaúcho mit Eleganz und Leidenschaft

Mit brasilianischer Musik assoziiert man Bossa und Samba. Musik jedenfalls von jazzig-lyrischer Laszivität oder afrikanischer Perkussivität. Renato Borghetti indes kommt von einem anderen ethnomusikalischen Planeten: dem südbrasilianischen Rio Grande do Sul, der Heimat der Gaúchos, der südamerikanischen Cowboys, die musikalisch mehr mit dem benachbarten Argentinien teilen und unverwechselbare Formen wie den Chamamé, den Chacarera oder die Milonga hervorgebracht haben. Der charismatische Gaúcho ist eines jener musikalischen Unikate, die lokale Traditionen mit der Muttermilch aufgesogen, individuell weiterentwickelt und mit weiteren Formen (wie Tango, Jazz und kammermusikalischen Elementen) durchsetzt haben.

Renato Borghetti oder „Borghettinho“, wie ihn seine Fans liebevoll nennen, nimmt Platten seit Anfang der 80er Jahre auf. Er stand mit Dominguinhos, Sivuca, Stéphane Grapelli ebenso auf der Bühne wie mit Ron Carter oder Hermeto Pascoal, und die erste seiner mittlerweile über 20 CDs war auch die erste Instrumentalplatte Brasiliens, die je Gold gewann. Seine frontale, von Souveränität und Spielwitz geprägte Darbietung erinnert etwas an das Feeling des Cajun und Zydeco Louisianas – und wie dort verbindet sich auch hier Europäisches mit Afrikanischem, konkret: spanisch-italienische Melodik mit afroamerikanischer Rhythmik. Trotz aller Experimente bleibt Borghetti durch und durch Gaúcho, wie er durch sein Bühnenstyling stolz betont, mit langem Haar, Schlapphut und weiten Hosen.

Auch in Europa ist Borghetti längst kein Unbekannter mehr. Die aktuelle CD Andanças ist so etwas wie das Resümée von 10 Jahren Tourneen am alten Kontinent, einer Zeit der Erforschung der eigenen Wurzeln, des Entdeckens neuer musikalischer Wege und der spannenden persönlichen Begegnungen. Und schliesslich engagiert sich Renato Borghetti für die Zukunft seines Instruments in Südbrasilien: Ende 2010 verliess das erste Akkordeon Marke „Borghetti“ die neugegründete „Fabrica de Gaiteiros“ in der Nähe seiner Ranch, wo nicht nur Instrumente erzeugt sondern auch benachteiligten Kindern und Jugendlichen der Zugang zum Akkordeon in Kursen ermöglicht wird.

Eben hier, in der „Fabrik der Akkordeonisten“, wurde Anfang 2016 Renatos bis dato letztes Album GAITA NA FÁBRICA aufgenommen, das letzten Herbst auch in Europa erschien und auf einer ausgedehnten Releasetour präsentiert wurde.


Besetzung Quartett

Renato Borghetti – Knopfakkordeon (gaita ponto)
Daniel Sá – Gitarre
Vitor Peixoto – Piano
Pedro Figueiredo – Saxophon, Flöte


Aktuelle Projekte

Duo Renato Borghetti (acc) & Yamandu Costa (guit)
Renato Borghetti Quarteto (acc – sax/flute – guit – piano)


Diskographie (Auszug)

2016 Gaita na Fábrica. Sounds from the Squeezebox Factory. (Saphrane Records)
2011 Andanças. Live in Brussels. (Saphrane Records)
2009 Fandango! (Felmay fy 8147)
2005 Gauchos (Quinton Records Q-0501-2)
2002 Paixao no Peito (Som Livre/RBS Discos)
1999 Ao Ritmo de Tio Bilia
1998 Gauderiando (Atracao)
1996 Gaúcho (RGE)
1995 As 20 Melhores de Renato Borghetti (RGE)
1994 Accordionist (Prestige Records)


DVDs

2012 Renato Borghetti Quarteto Europa (Estação Eletrica)
2008 Fandango! (Estaçao Eletrica)
2005 Renato Borghetti Quarteto Ao Vivo No Teatro Sao Pedro


Erfolge

2011 Andanças, Beste CD des Jahres 2011 der NL Tageszeitung Het Parool, Bestenlise des Jahres 2011 auf All About Jazz Italia
2009 Womex Showcase in Kopenhagen
2008 Fandango!, CD&DVD, Premio Açorianos als CD&DVD des Jahres, Nominierung für einen Grammy Latino
2005 Gauchos, CD, Nominierung für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik
2005 Gaitaponto.com, CD, Nominierung für einen Grammy Latino


Presse

„Die Tonqualität ist grossartig transparent, die Gegenwart des Publikums beinahe körperlich spürbar, die Herren spielen Soli die einen um den Verstand bringen. Prozac? Lichttherapie? Alles nicht nötig: Borghetti und seine Musiker spielen die Winterdepression regelrecht zur Tür hinaus.
Het Parool (NL) über Andanças, 2011

„Zauberhafte Kabinettsstückchen im Plauderton…Das Quartett präsentiert ein virtuoses, inspiriertes und fesselndes musikalisches Gebräu. … Das klingt mal sentiomental und schmachtend, dann nach galoppierender Entrüstung und loderndem Feuer. … Immer aber ist es filigran gewebt, abwechslungsreich, und jedes Stück gerät zu einer Feier des Lebens, verströmt einen eigenen Zauber.
Badische Zeitung (D), 2011

„Der Gaucho lässt die Pampas brennen… spannende Dialoge, grosses Improvisationstalent und traumhaft sicheres Zusammenspiel.“
Bonner Generalanzeiger (D), 2008

„Wer diesen Akkordeonisten und grossartigen Kommunikator mit der Attitüde eines Flamencotänzers nicht auf der Bühne gesehen hat, weiss nicht was Freude und Improvisation sind!“
Musibrasil (I), 2007

„Bei Borghetti kommt die Gaúcho Tradition von Vanerão, Rancheira und Milonga raffiniert und elegant daher. Mit langem Haar und Hut verbreitet er das Flair eines Popstars und Verführers, ohne sich jedoch in leeren Posen zu verlieren. Zuallererst ist er ein begnadeter Virtuose auf dem Knopfakkordeon, impulsiv und dynamisch, der in bestimmten Momenten den Eindruck erweckt, als wäre sein Körper vom Geist Piazzollas bewohnt.“
Musicas sem Fronteiras – Cronicas da Terra, Lissabon (P), 2005

„Mozart hätte seinen Spass gehabt!“
Wiener Zeitung, Wien (A), 2005